Solar-Auflieger in der Logistik

Solar-Auflieger in der Logistik: Zwischen Potenzial und Realität Hohe Solarerträge auf Lkw-Aufliegern klingen zunächst wie ein naheliegender Beitrag zur Elektrifizierung des Straßengüterverkehrs. Doch gerade […]

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Solar-Auflieger in der Logistik: Zwischen Potenzial und Realität

Hohe Solarerträge auf Lkw-Aufliegern klingen zunächst wie ein naheliegender Beitrag zur Elektrifizierung des Straßengüterverkehrs. Doch gerade in der Logistik entscheidet nicht die theoretisch verfügbare Modulfläche über den Nutzen einer Technologie, sondern ihre robuste Einbindung in reale Betriebsabläufe. Die zentrale Frage ist daher nicht, ob Solarzellen auf Fahrzeugen unter günstigen Annahmen Strom erzeugen können. Entscheidend ist, ob dieser Strom im Alltag von Speditionen, Verladern und Flottenbetreibern zuverlässig, wirtschaftlich und ohne zusätzliche operative Komplexität nutzbar ist.

Technisches Potenzial unter optimistischen Annahmen

Die Studie »SolarMoves« wurde als europäisches Pilotprojekt von einem internationalen Konsortium aus TNO, Fraunhofer ISE, Sono Motors, IM Efficiency und Lightyear durchgeführt. Sie entstand im Auftrag der Generaldirektion Mobilität und Verkehr (DG MOVE) der Europäischen Kommission. Untersucht wurde fahrzeugintegrierte Photovoltaik, also Vehicle Integrated Photovoltaics (VIPV), als ergänzende Energiequelle im Verkehrssektor. Für den Logistiksektor werden dabei besonders hohe solare Energieerträge in Aussicht gestellt. Betrachtet werden unter anderem Lieferwagen, schwere Nutzfahrzeuge und Lkw-Auflieger. Eine mögliche Reichweitenverlängerung ergibt sich vor allem dann, wenn große Modulflächen genutzt werden können. Besonders hohe Tageserträge werden daher für Lkw-Auflieger angegeben, da deren Dach- und Seitenflächen zusätzliche Solarflächen bieten. In einer Pressemitteilung wird unter anderem genannt, dass VIPV bei Elektro-Lkw die tägliche Reichweite um bis zu 15 Prozent verlängern könne. Für Lkw-Anhänger werden im Sommer bis zu 55 kWh pro Tag respektive 90 bis 110 kWh pro Tag genannt, wenn zusätzlich auch die Seitenwände mit Solarmodulen ausgestattet werden [1, 2].

Diese Ergebnisse sind fachlich relevant, sollten aber als Potenzialwerte unter günstigsten technischen und betrieblichen Randbedingungen verstanden werden. Die Wirkungsgradannahmen der Studie sind nicht grundsätzlich unrealistisch. Ein PV-Wirkungsgrad von 21 Prozent ist für heutige hochwertige Module plausibel, 23 Prozent für 2030 sind ambitioniert, aber technisch möglich. Das »Ultimate-Szenario« mit 26 Prozent beschreibt dagegen klar ein Zukunfts- beziehungsweise Optimalszenario [1, 3]. Kritisch ist daher weniger der einzelne Wirkungsgradwert, sondern die Kombination aus hohen Modulwirkungsgraden, großer nutzbarer Fläche, günstiger Einstrahlung und einem Betrieb, der der Solarerzeugung möglichst entgegenkommt.

Vom Solarertrag zum betrieblichen Nutzen

Genau an dieser Stelle entsteht der zentrale Konflikt mit der Logistikpraxis. Ein Lkw ist kein stationäres Solarsystem, das nach Einstrahlung optimiert ausgerichtet und unter idealen Bedingungen betrieben werden kann. Fahrzeuge werden dort abgestellt, wo es der Transportprozess, die Verfügbarkeit von Stellplätzen, die Sicherheit oder die Abläufe auf dem Betriebshof erfordern. Solaroptimiertes Parken steht damit nicht automatisch im Einklang mit realen Betriebsanforderungen, Stellplatzverfügbarkeit und Fahrerkomfort.

Die Relevanz dieses Punktes zeigt sich auch in den »SolarMoves«-Ergebnissen selbst. Dort wird als Annahme genannt, dass ein batterieelektrisches Solarfahrzeug nicht im Schatten abgestellt werde, wenn ebenfalls ein sonniger Stellplatz verfügbar ist [4]. Die Messdaten, welche ebenfalls in der Studie erhoben wurden, zeigen jedoch, dass reale Verschattung und Parkverhalten einen erheblichen Einfluss auf die solare Einstrahlung haben [1, 5]. Für den Logistikbetrieb ist diese Annahme besonders kritisch. Lkw und Auflieger stehen nicht dort, wo die Solarerzeugung maximal ist, sondern dort, wo sie betrieblich benötigt werden. Das gilt für Rastanlagen ebenso wie für Betriebshöfe, Verladerampen, Industriegebiete und andere Abstellflächen. Auch ein Fahrer wird seine Zugmaschine in der Praxis kaum bewusst in die pralle Sonne stellen, wenn dies anschließend zu einer aufgeheizten Fahrerkabine führt.

Damit ist die Studie vor allem als Potenzialanalyse zu verstehen. Sie zeigt, welche Energieerträge unter günstigen Annahmen möglich sind, beantwortet aber nur eingeschränkt, wie diese Energie im realen Logistikbetrieb zuverlässig, wirtschaftlich und organisatorisch nutzbar wird. Energetisches Potenzial ist nicht automatisch betrieblicher Nutzen. Für Logistikunternehmen zählen nicht allein theoretische Stromerträge, sondern Gesamtbetriebskosten, technische Robustheit, Planbarkeit und die Einbindung in bestehende Flottenprozesse.

Hinzu kommt, dass fahrzeugseitig erzeugter Solarstrom nur begrenzt disponierbar ist. Für Logistikunternehmen zählt nicht allein, wie viel Energie ein Fahrzeug oder Auflieger im Jahresmittel erzeugen kann, sondern ob diese Energie zum richtigen Zeitpunkt, am richtigen Ort und mit ausreichender Sicherheit verfügbar ist. Solarerträge hängen jedoch von Wetter, Jahres- und Tageszeit, Verschattung, Fahrzeugausrichtung, Verschmutzung, Standort und Fahrtroute ab. Sie können den externen Energiebezug reduzieren, ersetzen aber keine robuste Lade- und Einsatzplanung. Der erzeugte Strom ist daher eher als einsatz- und witterungsabhängiger Zusatzertrag zu verstehen, nicht aber als sicher disponierbare Energiequelle.

Solar-Auflieger als komplexes Logistik-Asset

Besonders deutlich wird die Herausforderung bei Solar-Aufliegern. Standard-Auflieger sind in der Logistik robuste, austauschbare und kostenkritische Betriebsmittel. Sie werden zwischen Zugmaschinen gewechselt, an Rampen gestellt, auf Betriebshöfen zwischengelagert, vermietet, in Industriegebieten abgestellt und im laufenden Betrieb stark beansprucht. Ihre Positionierung folgt nicht dem Ziel maximaler Solarstromerzeugung, sondern den Anforderungen des Transportprozesses.

Werden solche Auflieger mit Solarmodulen, Verkabelung, Leistungselektronik, Schutzkomponenten und gegebenenfalls Batteriespeichern ausgestattet, verändert sich ihre Gebrauchslogik. Aus einem vergleichsweise einfachen Logistikasset wird ein technisch aufgewertetes Betriebsmittel, dessen Investitionswert, Wartungsbedarf und Schadensanfälligkeit steigt. Damit stellt sich auch die Frage der wirtschaftlichen Verantwortlichkeit. Bei einem Standard-Auflieger ist nicht automatisch klar, wer in die Solartechnik investiert, wer den erzeugten Strom nutzt und wer für Reinigung, Wartung und Schäden verantwortlich ist. Diese Frage ist besonders relevant, wenn Auflieger in Trailerpools laufen oder zwischen Unternehmen, Standorten und Zugmaschinen wechseln. Ohne eine eindeutige Zuordnung von Investition, Nutzen und Risiko entsteht aus der potenziellen Solar-Fläche noch kein belastbarer betrieblicher Mehrwert.

Zudem ist erzeugte Energie nicht automatisch genutzte Energie. Bei Kühl-Aufliegern ist die Nutzenlogik vergleichsweise plausibel, weil ein kontinuierlicher elektrischer Bedarf für das Kühlaggregat besteht. Bei Standard-Aufliegern ohne eigenen großen Verbraucher ist die Situation weniger eindeutig. Der erzeugte Strom muss gespeichert, an ein Zugfahrzeug übertragen oder einem konkreten Verbraucher zugeführt werden. Ist eine Batterie voll, fehlt eine geeignete Schnittstelle oder steht der Auflieger ohne unmittelbaren Energiebedarf im Industriegebiet, bleibt ein Teil des Potenzials praktisch ungenutzt.

Seitenflächen, Verschmutzung und Schadensrisiken

Besonders kritisch ist die Annahme zusätzlicher Seitenflächen. Auf dem Papier erhöhen Seitenmodule die verfügbare PV-Fläche erheblich und führen dadurch zu den besonders hohen Sommerwerten von 90 bis 110 kWh pro Tag. In der Praxis sind Seitenflächen jedoch deutlich schwieriger nutzbar als Dachflächen. Sie hängen stärker von Fahrtrichtung, Sonnenstand, Nachbarfahrzeugen, Gebäuden und Rampensituationen ab. Die SolarMoves-Messungen zeigen zudem, dass Seitenflächen deutlich geringere Einstrahlungswerte aufweisen können als Dachflächen [1, 5]. Je stärker hohe Ertragswerte auf Seitenflächen beruhen, desto stärker hängt die Wirtschaftlichkeit also von Flächen ab, die im realen Betrieb besonders verschattungs- und ausrichtungsabhängig sind.

Hinzu kommt, dass Seitenflächen bei vielen Auflieger-Typen nicht nur passive Außenflächen sind, sondern funktionale Bestandteile des Fahrzeugs. Insbesondere Planen-Auflieger, Curtainsider oder seitlich zu öffnende Aufbauten werden über Seitenplanen, Schiebeelemente oder Klappmechanismen be- und entladen. Starre Solarmodule auf diesen Flächen könnten solche Prozesse erschweren oder konstruktiv ausschließen. Flexible Module wären zwar denkbar, müssten aber wiederholtes Öffnen, Spannen, Falten, Verschieben und mechanische Belastungen dauerhaft überstehen. Damit reduziert sich die tatsächlich nutzbare Seitenfläche auf Auflieger-Typen, bei denen die Seitenwand im Betrieb weitgehend starr und unbeansprucht bleibt. Hinzu kommt die mechanische Schadensanfälligkeit. Seitenwände sind im Alltag besonders exponiert, etwa durch Rangieren, Rampenkontakt, Beklebungen, Planenreparaturen, Diebstahl oder Vandalismus. Bei konventionellen Aufliegern sind solche Schäden bereits kostenrelevant. Bei einem Solar-Auflieger können zusätzlich Module, elektrische Verbindungen, Schutzschichten oder Leistungselektronik betroffen sein. Damit entsteht ein Zielkonflikt zwischen maximaler Solarfläche und robuster, kostengünstiger Nutzbarkeit des Aufliegers als logistisches Betriebsmittel.

Auch Verschmutzung sollte stärker berücksichtigt werden. Studien zeigen, dass verschmutzte PV-Module geringere Erträge liefern und Reinigungskosten beziehungsweise Minderungsstrategien wirtschaftlich relevant sein können [6, 7]. Diese Werte lassen sich nicht direkt auf mobile Anwendungen übertragen, verdeutlichen aber die methodische Relevanz. Bei Solar-Aufliegern kommen spezifische Verschmutzungen durch Straßenschmutz, Gischt, Streusalz, Pollen oder Vogelkot hinzu. Ebenso relevant ist, ob Fahrer zusätzliche Inspektionen durchführen müssen, um Verschmutzungen zu erkennen, und wer für deren Entfernung verantwortlich ist. Besonders die Module auf den Dachflächen lassen sich im laufenden Betrieb nur mit erheblichem Aufwand und geeignetem Spezialgerät reinigen. Soweit aus dem SolarMoves-Abschlussbericht ersichtlich, wird Verschmutzung nicht als eigener Kosten- oder Sensitivitätsblock für den Trailerbetrieb modelliert [1]. Gerade bei Aussagen zu kurzen Amortisationszeiten wäre dies jedoch relevant.

Wirtschaftlichkeit und Alternativen

Auch die ökonomische Bewertung sollte vorsichtig gelesen werden. Wenn sich Investitionskosten für VIPV bei Diesel-Lkw in weniger als zwei Jahren amortisieren sollen, hängt dies stark davon ab, dass die angesetzten Solarerträge tatsächlich erreicht werden und der erzeugte Strom direkt nutzbare Energiebedarfe ersetzt [1, 2]. Eine realistische Bewertung müsste auf einer Total-Cost-of-Ownership-Logik beruhen. Dem Wert des tatsächlich genutzten Stroms müssten zusätzliche Investitionskosten, Reinigung, Wartung, Reparaturrisiken, potenzielle Standzeiten, Restwertrisiken und Versicherungsmehrkosten gegenübergestellt werden.

Für eine belastbare Bewertung sollte VIPV außerdem nicht nur mit Netzstrom verglichen werden, sondern auch mit alternativen Investitionen in erneuerbare Energie. Wo geeignete Depot-, Hallen- oder Logistikdächer verfügbar sind, kann stationäre Photovoltaik für Logistikunternehmen einfacher zu betreiben sein als Photovoltaik auf mobilen Aufliegern. Sie ist besser zugänglich, leichter zu reinigen, weniger mechanisch belastet und direkter mit Ladeinfrastruktur, Batteriespeichern oder Gebäudelastmanagement koppelbar. Solar-Auflieger müssen daher nicht nur zeigen, dass sie Energie erzeugen können. Sie müssen auch zeigen, dass sie gegenüber stationären Lösungen einen zusätzlichen wirtschaftlichen und betrieblichen Vorteil bieten.


Fazit: Potenzial ja, Betriebsnachweis offen

Die Studie »SolarMoves« zeigt, dass fahrzeugintegrierte Photovoltaik unter günstigen Bedingungen relevante Energieerträge erzielen kann. Für den Logistiksektor folgt daraus jedoch noch kein belastbarer Nachweis, dass Solar-Auflieger im breiten Flottenbetrieb robust, wirtschaftlich und skalierbar eingesetzt werden können. Der zentrale Unterschied liegt zwischen technisch erzeugbarer Energie und tatsächlich nutzbarem betrieblichem Mehrwert.

Gerade bei Aufliegern entscheidet nicht allein die verfügbare Fläche über den Nutzen der Technologie. Entscheidend ist, ob die Solartechnik in reale Logistikprozesse passt. Auflieger sind wechselnde, stark beanspruchte und kostenkritische Betriebsmittel. Wird ihre Funktion durch zusätzliche Solartechnik erweitert, müssen Wartung, Reinigung, Reparatur, Verantwortlichkeit, Stromnutzung und Wirtschaftlichkeit neu bewertet werden. Diese Fragen werden durch hohe Potenzialwerte noch nicht ausreichend beantwortet.

Damit sollte die Studie vor allem als technologieorientierte Potenzialabschätzung verstanden werden. Sie liefert wichtige Hinweise für geeignete Spezialanwendungen, etwa bei Kühlaufbauten oder klar definierten Flottenprozessen. Für den breiten Einsatz auf Standardaufliegern bleibt der Nachweis eines wirtschaftlich tragfähigen Vorteils jedoch offen. Entscheidend wird daher sein, VIPV nicht nur unter idealisierten Ertragsannahmen zu bewerten, sondern im direkten Vergleich mit realen Betriebsprozessen und alternativen Investitionen wie stationärer Photovoltaik.

Quellen

[1]     J. M. Kroon, „Unlocking the Potential of Vehicle Integrated Photovoltaics (VIPV) for the European Transport Sector,“ TNO, Petten, SolarMoves final report, 2025. [Online]. Available: https://​repository.tno.nl​/​SingleDoc​?​docId=​81148

[2]     Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE, Solarzellen auf Fahrzeugen können die Netzbelastung in Europa erheblich senken: Presseinformation Nr. 14. [Online]. Available: https://​www.ise.fraunhofer.de​/​de/​presse-​und-​medien/​presseinformationen/​2026/​solarzellen-​auf-​fahrzeugen-​koennen-​die-​netzbelastung-​in-​europa-​erheblich-​senken.html

[3]     A. J. Carr et al., „Solar Moves: Part 1, Modelling the impact of VIPV,“ Solar Energy Materials and Solar Cells, vol. 275, p. 113023, 2024, doi: 10.1016/j.solmat.2024.113023.

[4]     C. Braun et al., „SolarMoves: Real life irradiance and energy consumption measurements for solar mobility. Second Report SolarMoves,“ 2025. [Online]. Available: https://​publications.tno.nl​/​publication/​34644668/​IUcyUHy8/​braun-​2025-​solarmoves.pdf

[5]     A. J. Carr et al., „Validation of shading model in SolarMoves,“ Solar Energy Materials and Solar Cells, vol. 292, p. 113783, 2025, doi: 10.1016/j.solmat.2025.113783.

[6]     M. R. Maghami, H. Hizam, C. Gomes, M. A. Radzi, M. I. Rezadad, and S. Hajighorbani, „Power loss due to soiling on solar panel: A review,“ Renewable and Sustainable Energy Reviews, vol. 59, pp. 1307–1316, 2016, doi: 10.1016/j.rser.2016.01.044. [7]          K. Ilse et al., „Techno-economic assessment of soiling losses and mitigation strategies for solar power generation,“ Joule, vol. 3, no. 10, pp. 2303–2321, 2019, doi: 10.1016/j.joule.2019.08.019.

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